Donnerstag, 9. Oktober 2014

CocoRosie - The Adventures Of Ghosthorse And Stillborn (2007)


Frontcover

CocoRosie lernte ich über eine Bekannte kennen, insbesondere durch das Lied “Gallows”, welches ein grandioses und stimmungsvolles Video neben der beklemmenden und traurigen musikalischen Atmosphäre zu bieten hat. Das fand ich auf jeden Fall schon großartig und spätestens mit „Fairy Paradise“ erkannte ich, dass da wirklich talentierte und ambitionierte Künstler am Werk sind, welche es schaffen ihre ganz eigene Art von Musik zu spielen, worauf hin ich mir auch vorliegende CD besorgte. CocoRosie sind Bianca und Sierra Casady, zwei Schwestern, die sich teils lange Zeit in ihrer Kindheit nicht sahen, bis sie sich wiedertrafen und beschlossen zusammen zu Muszieren. Und ab hier kann man sich schon vortrefflich darüber streiten ob, dass Kunst ist oder weg kann. Neben einem kunterbunten Mix von elektronischen Beats und Samples, findet sich von Operngesang über kurze Rapparts mitunter neben normalem Gesang auch kindlich-naiv verstellte Stimmen, trifft ein Beatboxer auch mal auf eine Harfe und werden absolut musikfremde Gegenstände genau dafür latent dilettantisch oder nervtötend missbraucht. Das Ganze wird untermalt mit politischen oder auch feministischen Attitüden und lässt erahnen, wie streitbar die ganze Musik sein kann. Überladene Ansprüche oder genialer Geniestreich – wir werden sehen:

„Rainbowarriors“ nennt sich der erste Song und schürt Erwartungen. Während eine Art Rassel geschüttelt wird, Uhren(?) zu ticken anfangen und es im Hintergrund unregelmäßig pfeift und wiehert, singt Sierra mystisch-flirrend ihrem Operngesang und Bianca dazu im Vordergrund. Eine leichte Nähe zum Rapgesang ist vorhanden, trotzdem würde ich ihn nicht als solchen klassifizieren. Es sind viele, viele Geräusche und Samples in die Geräuschkulisse mit eingewoben, welche ich unmöglich alle benennen oder beschreiben kann. Dem Feeling etwas Tropisches zuzusprechen wäre übertrieben, wirkt aber auf jeden Fall warm, erinnert mich leicht daran und dazu noch fröhlich, auch melodiös – lebendig, nicht klar aber lebhaft. Dem Refrain wohnt auf jeden Fall ein starker Wiedererkennungswert inne und der Song deutet schon mal an, was hier alles möglich ist. 7 Punkte

Erschienen bei: Touch And Go Records, Inc.
EAN-Nr.: 036172101429
Katalog-Nr.: TG314CD

Links der kleine kreisrunde Sticker im Motiv
der CD welcher kostenlos bei liegt.
Es folgt „Promise“ mit einem leicht jammernden Einstieg, was die Stimmlage angeht. Ein recht simpler, aber flirrender Beat mit vielen kleinen und im Einzelnen eigentlich nichtigen Details, die dem ganzen aber unbemerkt Breite verleihen. Primär dazu Rapgesang, mitunter leicht klagend, fordernd oder auch verzweifelt, jedenfalls ohne Strenge oder Härte dahinter. Und der Refrain mit dieser extrem schwachen, wimmernden, flüsternden Wehmutsstimme, die perfekt zum sachten, schwachen Beat passt, aber sicherlich schon den einen oder anderen Hörer schon extrem herausfordert. Sicherlich schon der erste Grenzgängersong bezüglich meiner These, Hassen oder Lieben. Ich mag es, aber nicht immer. 6,5 Punkte

„Bloody Twins“ fängt mit einer Spieluhr an, harmloses Geklimper und plötzlich setzen die gerade erst kennengelernten, schwachbrüstigen, leicht schrägen Wimmerstimmen ein – nur dass sie diesmal noch eine Stufe extremer sind. Ich bin mir nicht sicher ob Wimmerstimme der richtige Ausdruck ist – aber mir fällt keine bessere Umschreibung ein. Anstrengend, aber das ist zum Glück recht kurz. 4 Punkte

Zum Glück ist „Japan“ da wieder anders, aber leicht macht es dem Zuhörer auch nichts. Die Hintergrundmelodie ist verdammt simpel, sich immer wieder wiederholend und eine extrem auf kindlich getrimmte Stimme setzt ein, dazwischen auch mal schrägere Chöre und Stimmengewirr oft auch leicht anarchisch. Es versucht fröhlich zu klingen, aber viel zu bemüht – was sicher Absicht ist, erzeugt dadurch eine sehr diffuse Wirkung und wechselt mittig langsam aber unerwartet zu leisen, traurigen Tönen untermalt von Operngesang, bis das Anfangsthema und Melodie sich dazu wieder einschleichen und mit den teils volle Kanne daneben gesungenen Gesangsspuren im ersten Brainfuck endet. Es ist nicht schlecht gemacht, bis auf die Tatsache, dass ich nicht ganz genau versteh, wohin mich das führen will und rein musikalisch gleichzeitig gut, wie auch schlecht ist, aber sicher nie ein Hit wird, den man öfters hintereinander hören mag. 5 Punkte

Vielleicht rettet uns ja „Sunshine“ aus dem Chaos. Die ersten Klänge wirken auf jeden Fall schon wieder diffus, dafür ist der Gesang aber wieder relativ gefestigt – wirkt zwar auch hier nicht direkt, sondern nah und fern zugleich, aber trifft die Noten und folgt einer klaren, leicht melancholischen Melodie. Stören lassen sollte man sich aber nicht von zwar verhaltenem, aber immer wieder auftauchendem Geklingel von Fahrradklingeln. Wer hier vielleicht schon einen leichten Widerspruch der Erwartungshaltungen auffindet zwischen Sonnenschein, Fahrrad und trauriger Stimmung, sollte definitiv einen Blick ins Booklet werfen oder sich anderweitig die Lyrics anschauen, um zu bemerken, da stimmt definitiv etwas nicht und feststellt, dass da durchaus eine leichte Beklemmung vorhanden ist. Generell lohnt es sich fast immer sich das Textblatt zu Gemüte zu führen, da es ungemein das sehr oft im Nachhinein verstörende Gefühl verstärkt und manchen Soundeffekt weniger willkürlich platziert scheinen lässt. Denn wie eingangs erwähnt geht die Botschaft in der Regel über das rein Musikalische hinaus und wird entweder direkt oder eher zwischen den Zeilen aber umso vehementer ersichtlich. 6 Punkte

Das Booklet ist sehr handschriftlich gestaltet,
sieht schick aus, ist aber teilweise schwer zu lesen.

Links oben/schräg rechts unter dem Wasserzeichen
jene erwähnte Stelle ------>

Und gruseliger, böser Blutsmilie. Zufall?
Wahrscheinlich leider nicht...
Nach noch weniger Sonnenschein klingt der Titel „Black Poppies“ und hier will ich noch mal bewusst auf Andeutungen oder Besagtes zwischen den Zeilen lesen eingehen, ohne Ansprüche zu erheben das Lied einzig richtig zu deuten oder überhaupt verstanden zu haben – den Eindruck habe ich auf jeden Fall nicht und vielleicht soll es dies „richtig“ ja auch nicht geben. Das Booklet ist sozusagen handschriftlich geschrieben, was mitunter sehr schwer zu entziffern ist, aber auch Details enthält. Hier z.B. steht in einer Zeile geschrieben.

„Like warm kittens close to the“ – durchgestrichen: „ground“ – „earth“. Dabei ist “ground” nur bis einschließlich dem “n” durchgestrichen und das “d” wirkt nachgefahren, kombiniert mit dem sehr kleinen “r” von “earth” liest sich dies auf dem ersten Blick wie “death”. Schließt sich nicht aus und kann in dem Kontext auch als Synonym verwendet sein, soll aber nochmal verdeutlichen, dass hier die Songs durchaus tiefer gehen als das, was man akustisch vielleicht wahrnimmt, was je nach Gesangsart auch nicht immer soo einfach ist.

Musikalisch quäkt irgendwas anfangs und erinnert mich am ehesten an alte Teddybären, die ein Geräusch von sich gaben, wenn man sie nach unten kippte – ansonsten eine sehr verhaltene Melodie, schwacher und trauriger Gesang, dazwischen gesampelte Kinder- oder Babystimmen, von denen ich stark ausgehe, dass sie von einem Erwachsenen eingesprochen wurden und irgendwie hat es etwas vom zu Bett gehen, nur dass ich als Kind davon Albträume bekommen hätte und es ist insgesamt einfach nur komisch. 5 Punkte

„Werewolf“ ist das Lied mit den mit Abstand meisten „Blutspritzern“ im Booklet (wenn ich den Kopf schräg halte, sieht das aus sogar wie ein leicht bösartiger Smilie aus, gruselig!) und geht auch thematisch an die Nieren, indem es grob gefasst um innerfamiliären Missbrauch geht und dabei passagenweise direkt und dann für mich wieder metaphorisch-poetisch verschlungen und unverständlich ist, so ganz gut ist mein Englisch auch wieder nicht – aber was es andeutet oder ausspricht, fühlt sich absolut falsch an und macht auch dank dem großartigen Gesang auch auf einer ganz merkwürdigen Ebene betroffen. Die Melodie ist wieder zuckersüß, harmlos aber traurig, dazu wieder der kindlich-naiv anmutende Rapgesang, der dennoch einen verstörten Stolz in sich birgt, der verzweifelt anklagt und doch so resigniert ist. Dazu der absolut flüssige Flow über Passagen wie „Weeping willow won't you wallow louder“ oder „Up the marriage evil doer doing evil from a baby carriage” was sich einfach unglaublich gut und stark anhört und schlussendlich noch der Refrain, indem Sierra mit ihrem als Operngesang zusammengefassten Gesang unterstützt. Das Lied hat viel Tiefgang, hört sich richtig gut an und ist abgesehen von der gesanglichen Mixtur frei von sonst bisher Kennegelernten Experimenten was die musikalische Ausstaffierung anbelangt und kommt ungemein fragil und zerbrechlich daher. Lange Rede kurzer Sinn – 9 Punkte sind hier vollkommen verdient!
(Das Musikvideo hierzu ist auf jeden Fall einen Blick wert, aber weiter im Protokoll)

Wir bleiben bei "Animals“ – die bewährten Fahrradklingeln kommen hier noch öfters zum Einsatz und Bianca wirkt hier wieder unglaublich kindlich/jugendlich, was die Klangfarbe der Stimme angeht und passend dazu ist das lyrische Ich allein, missverstanden und beschließt bei den Tieren wohnen zu wollen, flieht aus der Welt und wirft mit vielen Querverweisen der modernen Popkultur nur umso um sich. Melodie gewohnt simpel, minimalistisch aber stark in der Wirkung. Insgesamt ein melancholischer, guter Song der einen nicht umwirft aber gut begleitet und mitnimmt, wären da nicht diese Klingeln. Mich zieht das eher etwas raus aus dem aufgebauten Sog, keine Ahnung was diesmal dahinter stecken soll. 6,5 Punkte

Backcover und Tracklist
„Houses“ wirkt noch kindlicher, jemand wirft neben der ruhigen Klaviermelodie noch Steine, Knöpfe oder Münzen auf den Boden – der Gesang ist aber schon wieder, wie auch der Gesamtkontext leicht verstörend, die Mutter wird geliebt, sie macht viel Essen und am Schluss brennen große Häuser zum epischen Abschluss, hoffentlich nicht das eigene. CocoRosie hat immer wieder Momente, die mich komplett ratlos alleine stehen lassen. Das mag gewollt sein, aber das überfordert mich auf einer ganz komischen Ebene. 4,5 Punkte

Auch wieder absolut ungut fühlt sich „Raphael“ an – ohne auch nur ansatzweise wieder alles zu verstehen, schimmert hier durch, dass die Protagonistin in ihrer vermutlich ersten Beziehung vom titelgebenden Charakter nur ausgenutzt wurde und kurzfristiges Mittel zum Zweck war. Vielleicht bin ich überempathisch, aber mir geht es nahe und die musikalische Umsetzung dürfte es gekonnt flankieren und fördern. Dieser überzerbrechliche Gesang und Melodie sprüht nur von Enttäuschung und Desillusion und hallt unglaublich bitter nach. Stark! 8 Punkte

Ganz kurz nur ist „Girl And The Geese“ – eine Art Orgel spielt kurz mal wieder was Trauriges mit wenigen Tönen, dazu eine Erzählstimme wie von einer Sprachaufnahme. Nicht spektakulär, aber wirksam. 6 Punkte

Jetzt kommen wir zu einem Ärgernis, was ich im Folgenden vertiefen werde. Und zwar ist jetzt der Song „Miracle“ an der Reihe, dem angehängt wurde der Bonussong „Childhood“ – das heißt, beides läuft als gleicher Track, dazwischen ist nur eine unleidige Pause. Wie ich zu langen Pausen stehe, habe ich schon mehrfach erwähnt, ich halte davon absolut nichts und null! Ich werde daher wie folgt vorgehen.

Ich bewerte die Qualität des ersten Songs und des zweiten Songs separat, die Pause abzüglich der angekündigten 10-Sekunden-Toleranzgrenze als dritten Song mit keinem Inhalt, sprich 0 Punkten und werde das Ganze in Relation gewichten und zusammenzählen.

Das Ganze fängt sehr sphärisch an, textlich verwirrt es mich komplett – aber das allein sollte kein Kriterium sein; die Stimme finde ich hier leider grenzwertig, hab teilweise das Gefühl da wird mir direkt ins Ohr geschmachtet und gesäuselt – und dieses Gefühl, den Speichel des Sängers in dessen Mund knistern zu hören, das ist irgendwie wuhaaa, ich weiß nicht - und es ist in meinen Augen leider ein deutlicher Abfall zu den vorherigen Songs, was ich für einen Ausklang sehr schade finde. Und wie solcher klingt es definitiv, aber es gefällt mir nicht wirklich daher leider nur 3,5 Punkte bis zur Pause, welche bei 3:25 schon einsetzt und erst(!) bei 6:35 wieder aufhört. Warum?!!
Vogelgezwitscher, eine Dampflok? Tiergeräusche? Keine Ahnung was alles, eine Akustikgitarre und wieder ein sehr säuselnder, wehmütiger Singsang. Eine Art Chor setzt ein kurz ein und schwillt wieder ab – aber alles versäumt leider komplett irgendwie auf den Punkt zu kommen und wirkt durch die Pause noch deplatzierter. Das stört hier doppelt! Ich inszeniere einen Ausklang, lasse ihn ausfaden und bin gut drei Minuten komplett still, um wieder etwas aufzuleben zu lassen, was sowieso nicht mehr als ein zusätzlicher und überflüssiger Ausklang sein will und sich noch mal gut 5 Minuten Zeit lässt erneut auszufaden. Für was frage ich mich da, Bonus hin oder her – das ist und war absolut unnötig und zieht ob der Länge und ob der Tatsache, dass hierfür natürlich auch keine Lyrics parat liegen, doppelt den Schnitt herunter. (0,34 Punkte am Gesamtergebnis!) Ich gebe hier noch mal wohlwollende 4 Punkte – weil mich das Geschmatze noch mehr genervt hat, und komme nach Adam Riese auf einen Gesamtdurchschnitt von:

205 Sekunden * 3,5 Punkte = 717,5 Punkte
(190 Sekunden -10 Sekunden) * 0,0 Punkte = 0,0 Punkte
301 Sekunden * 4,0 Punkte = 1204 Punkte

= 1921,5 Gesamtpunkte / 686 Sekunden entspricht 2,80 Punkte!

Absolut unnötiges Eigentor…

Cover:

Das Cover deutet das Unberechenbare vielleicht schon an. Die beiden Schwestern sehen wie aus der schwarzen Szene entsprungen aus oder alternativ so, als ob sie gerade ihre Männer begraben haben – was ein cooler Hinweis auf das, das Review einleitende „Gallows“ welches drei Jahre später auf dem Folgealbum erschien, sein könnte – mir aber dann doch etwas zu viel der Planung sein scheint. Irritierend ist der Typ links davon in einer futuristischen Uniform und unpassenden Regenbogenbinde. Dazu halten sie einen Kuchen mit brennenden Kerzen, schauen erfreut und zugleich traurig, sitzen in einem Boot? Oder auch einem schlecht rein gephotoshopten Sandkasten, der fast nahtlos an den dahinter befindenden See mit zwei schwarzen Schwänen anschließt oder damit verfließt.
Dahinter noch ein bisschen Wald und daneben oder darunter liegen ein Teddy und ein weißes Spielzeugpferd. Komisch? Ja, definitiv

Das Booklet ist wie erwähnt handschriftlich gestaltet aber deswegen teilweise auch beschissen zu lesen, hat aber dennoch Stil – vor allem durch diverse Blutflecken. Sachte im Hintergrund schimmernde Pferde oder komische Zeichnungen eher nicht so und gehen wieder in die schräge Kategorie. Die CD sowie der beiliegende Sticker (Bonus!) haben das gleiche Motiv, und zwar vermutlich Zeigefinger und Mittelfinger, welche die Beine einer Frau samt Strapse darstellen soll und von weiter oben nach abwärts, sprich vom Schritt an, der außerhalb des Bildes liegt, ist alles voll Blut. Das hat auf jeden Fall eine Aussage und ist nicht zufällig, aber ich will da nicht bis ins letzte Detail spekulieren. Cover bekommt 5,5 Punkte, restliche Gestaltung 6,5 und Lyrics nach gewohnter Regel.


Fazit:

CocoRosie sind nicht leicht und definitiv nicht jedermanns Geschmack und ich müsste lügen, würde ich sagen, sie mir jederzeit anhören zu können. Dem ist definitiv nicht so, sie können unglaublich anstrengend und nervig sein – aber sie sind auf der anderen Seite absolut einzigartig, was musikalische Komposition, Ausführung und Zusammensetzung angeht. So absurd manch Idee vielleicht klingt, nicht immer – aber oft geht es sich überraschenderweise sehr gut auf und ist dadurch unglaublich erfrischend aber auch gewöhnungsbedürftig. Ich schätze die Band aber für ihren Mut und ihre kompromisslose Haltung, ihre Botschaft so verstörend schön und umschmeichelnd und dann wieder so drastisch, klar und kurz an den Mann (und die Frau) zu bringen. Neben ihrer Experimentierfreude haben sie echtes Talent und zeigen immer wieder auf, dass sie in der Lage sind, richtig gutes Material zu produzieren. Ihr Konzept ist durchdacht und mit viel Überzeugung durchgeführt und ich hab keine Ahnung, wie zur Hölle ich das hier enden lassen soll, um klar zu machen, wie zwiespältig diese Musik doch ist und sein kann. Je nach Tagesform gerne 1,5 Punkte mehr oder runter – aber hört am besten selbst rein.




Gesamtergebnis: 6,08

Gesamtspielzeit: 48:50
Durchschnittsdauer: 3:44
= halbe Wertung Track 11
= dreifache Wertung Track 12

Liedqualität: 5,40 (3x)
[ 7 + 6,5 + 4 + 5 + 6 + 5 + 9 + 6,5 + 4,5 + 8 + (0,5*6) + (3*2,80)] / 13,5 = 5,40
Cover: 6,68 (1x)
Cover: 5,5
Lyrics: 12/13 = 9,23
Aufmachung: 6,5
+ Sticker 0,5
- Lyrics schwer lesbar 0,5 = 6,5

Abwechslung: 7,5 (1x)

Montag, 6. Oktober 2014

Rettet den Steinbruch in Mühltal/Darmstadt!

Da fiel mir heut morgen doch glatt die Kinnlade runter als ich, wie aus dem Nichts die Nachricht hörte. Der gute alte Bruch soll dichtgemacht werden... - danach atemlose Stille.

Auch wenn ich erst seit gut ca. 3 Jahren in der Region verweile, ist der Bruch sofort zu meiner Stammlocation geworden (siehe die zahlreichen Reviews) und bereichert mit seinem musikalischem Angebot ganz Rhein/Main unglaublich. Die Reichweite reicht von Mannheim über Ludwigshafen, von Mainz über Frankfurt und Wiesbaden, Heidelberg bis nach Gießen - zumindest ich hatte schon mit Besuchern aus jenen Gegenden gesprochen, exotische Ausreißer wie z.B. Amerika waren mitunter auch dabei.

Auf jeden Fall ein recht bekannter Club der sich nicht umsonst einen Namen gemacht hat und eine Lücke hinterlassen würde, die mitnichten zu kompensieren wäre, v.a. was die Live-Aktivitäten anbelangt. Im Bruch haben Größen, richtige Größen schon gespielt und bis heute steckt das Line-Up die Weltstadt Frankfurt regelmäßig in die Tasche. Der Steinbruch ist eines der wenigen großen Institutionen der alternativen Musik, ab vom Mainstream und umso größer wäre dieser Verlust.

Natürlich ist nicht alles perfekt, die Klos sollten längst generall überholt werden, die "Beim Verlassen des Gebäudes erlischt der Eintritt"-Regel ist nervig, an manchen Tagen ist der Sound nicht astrein und ganz billig kommt einem ein langer Abend mit vielen Getränken auch nicht unbedingt, so etwas wie eine Happy Hour, Spezialangebote oder auch irgendwie Rabattaktionen für Stammkunden wären cool, v.a. jetzt war wieder so viel angekündigt, dass ich mir zwei Besuche pro Woche einfach nicht leisten kann, sofern ich das zeitlich überhaupt alles gebacken bekomme - trotzdem möchte ich noch viel weniger dieses tollen Angebot missen müssen.

Das offizielle Statement ist irgendwie latent dubios, denn anscheinend war der Vermieter des Gebäudes einzig und allein auf das schnelle Geld aus und hat hinter dem Rücken der Betreiber einen neuen Handel abgeschlossen und den Pachtvertrag fristlos gekündigt; eine Gegendarstellung aus objektiven Gründen würde mich sicher auch noch interessieren - ändert aber nichts an der Tatsache, dass der Kopf jetzt erst mal ab ist.

Ich hatte mich diesen Monat riesig auf Agrypnie gefreut, oder erst recht Insomnium die mit ihrem letzten bärenstarken Output mich immer noch begeistern - wo werden solche Bands in Zukunft spielen? In der Krone? Sicher nicht, die Oettinger Villa ist auch zu klein und somit geht ein großes Stück Kultur unwiederruflich für die ganze Region verloren.

Aber ganz kampflos gibt man auch nicht auf - im Moment ist eine Petition am Laufen um so vielleicht zu versuchen, den Vermieter irgendwie umzustimmen, ob das klappen kann weiß ich nicht - ich will es aber nicht unversucht lassen und aus dieser Motivation heraus ist auch dieser Beitrag geschrieben. Denn manchmal muss man nicht nur kämpfen damit man etwas bekommt, sondern auch damit etwas bleibt.

Vielen Dank für jeden Unterzeichner und Unterstützer der Region. ;)

https://www.openpetition.de/petition/online/erhaltung-des-steinbruch-theaters-in-seinen-raeumlichkeiten


NACHTRAG 08.10.14:

Die (in?)offizielle Petition wurde mehr oder weniger eingestellt, wenngleich sich immer noch Unterzeichner finden, laut Gegendarstellung ist von erheblichen Mietrückständen die Rede:

http://www.echo-online.de/region/darmstadt-dieburg/muehltal/Das-Steinbruch-Theater-ist-zu-Finanzielle-Probleme;art1293,5499255

Der Steinbruch wird in der Form in diesem Gebäude aber definitiv nicht mehr existieren! Das heute angedachte Konzert fällt aus, für die weiteren Konzerte wird nach Ersatzlocations gesucht und das Team schaut, wo es vielleicht etwas neu aufbauen kann. Schade, aber das war es dann wohl endgültig für diesen Standort und mir war es wichtig auch die Gegenseite zu beleuchten, was durchaus ein anderes Licht auf die Sachlage wirft. Ärgerlich für Musikfans bleibt es unabhängig davon aber trotzdem... 

Donnerstag, 11. September 2014

Sex mit der Ex Part I: Balmung - Auf Der Suche Nach Thule (2000)



Eine wunderbare neue Kategorie über CDs die sich nicht mehr physisch in meinem Besitz finden, sich lange genug darin allerdings befanden, als dass ich ein Review darüber schreiben kann auch wenn ich sie mir jetzt live als Mp3 anhöre. Ähnlich wie bei Promo-CDs zählt der Wertungspunkt Cover nur halb, da ich außer dem Bild nix zu sagen kann und nicht davon ausgehen kann, mir bei jeder CD gemerkt zu haben wie viele Lyrics vorhanden sind oder nicht oder wie toll das ganze aufgemacht ist.
Das Bett ist aufgeheizt und mit gemischten Gefühlen geht es ans Eingemachte. Werden alte Gefühle wieder wach oder hatte es alles seine guten Gründe…

Vorab noch ein paar vielleicht notwendige Informationen: Die fränkische Band Balmung ist nicht zu verwechseln mit der amerikanischen Band Balmung, welche hier NICHT thematisiert wird. Diese spielen definitiv und ganz sicher NSBM, die fränkische Band hingegen nicht. Sie besingt zwar auch extrem oft und pathetisch die heidnischen Vorfahren, rechtsextremes Gedankengut kam mir im vorliegenden Album aber nicht vor, dennoch ist auch die deutsche Band mehr oder weniger direkt im Zielfernrohr extrem linker Vereine. Sei es weil einfach mal die Länder verwechselt werden oder weil man einfach mal unterstellt im Fahrwasser von ULTIMA THULE mit zu schwimmen. Die sprechen sich inzwischen von rechter Gewalt und Rassismus frei, waren in der Vergangenheit aber nicht ganz koscher und haben trotzdem absolut NICHTS mit der fränkischen Band Balmung zu tun auch wenn sie vielleicht klanglich ähnliche Musik zu machen scheinen. Kann ich nicht beurteilen, da ich Ultima Thule nicht kenne, was ich aber kenne ist eine absolut undifferenzierte Verurteilung und das geht mir tierisch auf den Sack! Jetzt aber los mit der Musik…

„Balmung“ heißt das erste Lied und hat ein absolut peinliches Intro. Während wahrscheinlich Wellbleche geschüttelt werden kräht es pathetisch „Odin“ – geiler Scheiß, NOT! Überraschenderweise folgt jetzt aber kein straighter Paganmetal sondern das ganze klingt jetzt ziemlich nach Deutschrock mit einem kleinen Schuss Punkrock nur eben mit „Thor und Odin“ im Chorus. Das finde ich schon mal ganz schön eine Mogelpackung, immerhin wollte man mir das als Metal andrehen – aber das wird es wohl offensichtlich nicht sein. Rein musikalisch passiert jetzt nicht sonderlich viel, das hat seinen einen Rhythmus und der wird durchgespielt – die kleinen Zwischenpassagen sind nicht der Rede wert. Lyrics wiederholen sich gefühlt auch permanent und reißen nicht gerade vom Hocker. Geht so gar nicht geil los und das Intro überhaupt nicht, wir fangen also mit einer Bauchlandung an. 3,5 Punkte

Mit dem philosophischen Titel „Selbstheit“ geht es munter weiter, ausgelassen ist die Stimmung auf jeden Fall, das muss man ihnen zu Gute halten aber wenn ich Lyrics wie

In der Schule und durch Medien wird dein Weltbild geprägt, wird die Lüge praktiziert die den Namen Freiheit trägt. Jedem zeigt man seine Feinde - den Gegner im System. Mit dem Brett vor deinem Kopf wirst du nie das Spiel verstehn.
Glaub nicht all die Scheisse die man ständig dir erzählt, übernimm nicht jede Meinung die ein anderer für dich wählt. Du hast den Kopf zum denken also setz ihn endlich ein. Finde die Wahrheit, du musst dich selbst befrein!

Höre, habe ich fast das Gefühl ich könnte eigentlich gleich FREI WILD hören. Das ist so plump und einfach, indem man einfach sagt denk selbst, alles andere ist eine Lüge und darüber hinaus kommt nicht wirklich was, ein Vorschlag, eine Idee, eine richtige Revolution. Das ist so 08/15 Alternativ und wie Schema F „In der Bravo stand so schreib ich einen rebellischen Song“ und da die regelrecht monotone Musik der „Aussage“ untergeordnet ist, finde ich es erst recht so schwach. 2 Punkte

Zum Glück folgt darauf mit „Tanz Der Schwäne“ erstmal ein Instrumental. Die Keyboardorgel(?) klingt auf jeden Fall mal richtig wohltuend anders und auch das sachte Gitarrenspiel klingt nicht schlecht und findet in der Melodie mitunter sowas wie Tiefe. Das ist noch kein Meilenstein, aber scheinbar geht es doch irgendwie, auch wenn es kürzer hätte sein können. 5 Punkte

Den Albentitel „Auf Der Suche Nach Thule“ gelingt es erfolgreich gekonnt daran NICHT anzuschließen und wieder in den Deutschrocktrott zurück zu fallen. Kein Übergang nichts, folglich wirkt der gerade eben gehörte Songs leider fast schon wie ein Fremdkörper. Immerhin wird jetzt auch wieder mehr über schöne Orte gesungen um den paganistischen Anstrich zu wahren. Der Refrain hat sogar auf jeden Fall ein leichtes Wiedererkennungsmerkmal allerdings kann man darüber streiten ob das positiv oder negativ ist – bin mir noch nicht sicher zu was ich da tendieren soll. 3 Punkte

„Bis Die Augenlider Sinken“ wird hier weiter gesungen, auf Halbmast hängen meine schon längst und auch dieses Lied wird nicht viel daran ändern. Es kommt noch eine gewisse Saufattitüde und Kneipenflair hinzu was das Lied sicherlich zum Mitgröhlhit macht. Sowas ist nicht unüblich, gefällt mir eigentlich in der Regel eher nicht aber das hat hier sogar Stimmung und eine schöne Sing-along Melodie oder so. Nicht dass ich dies großartig finden würde, aber ich vergebe mal hochgegriffene 4,5 Punkte

Im nächsten Lied geht es nicht um ein Browsergame, auch wenn „Die Ruhmreichen Stämme“ das vielleicht assoziieren mögen, sondern wieder um Deutschrock der in krampfhaften Reimschemen die Geschichte der Kriege zwischen Germanen und Römern erzählt und besingt. Der Refrain sticht wieder leicht zweischneidig hervor, ansonsten wieder der übliche Rhythmus – schade wie limitiert hier der Rockanteil ist. Es wird doch wohl etwas mehr Abwechslung geben verdammt nochmal? 3,5 Punkte

 „Unser Tag“ wird das ganz garantiert nicht mehr, vor allem dann nicht wenn man scheinbar langsam die Doublebase entdeckt um dann nix draus zu machen und sie wieder gleich einmottet, als wäre es ein Versehen gewesen. Ich gebe es zu, ich bin kein Deutschrockfan – ich finde ihn per se aber nicht schlecht, was ich aber nicht gut finde, ist wenn er absolut unkreativ ist. Das ist er auch hier spielerisch, als auch gesanglich und auf Bombentexte würde ich echt nicht hoffen – da hilft auch keine abschließende „Sei stolz, sei stark“ x20 Gehirnwäsche nichts. 2,5 Punkte

Wenn du den Wink mit dem Zaunpfahl nicht siehst, „Hörst Du Nicht Die Bäume Rauschen“ – wenigstens? Es klimpert und spährt zur Abwechslung und bewegt sich damit gekonnt auf durchschnittlichem Niveau, was immerhin auch schon eine Leistung ist. Der Gesang klingt auch gleich anders und angenehmer, ein Flüstern tut auch noch der Atmosphäre gut und es blitzt kurz auf, dass da wirklich viel, viel mehr möglich gewesen wäre wenn man offener mit der musikalischen Ausrichtung umgegangen wäre, statt sich selbst in eine Sackgasse zu manövrieren. Trotzdem denke ich, dass auch dieses Lied nicht unstrittig in der Sympathiebekundung sein dürfte – aber ich vergebe nochmals 4,5 Punkte !

Wem das Rauschen zu leise war, freut sich vielleicht über „Schlachtgesang“. Ich auf jeden Fall nicht, ich will wieder mein Rauschen zurück denn die Gitarren stoßen mir gleich unangenehm auf. Wieder das gleiche Schema verdammt auch wenn es sich davon lösen kann und dann doch noch anders wird. Der Refrain geht auch wieder gut ins Ohr, aber ist gesanglich wieder so eine Gratwanderung die man entweder hasst oder okay findet. Sie treffen ja schon irgendwie den Ton, aber ob das perfekt gelungen ist, ist eine andere Frage.

Am Schluss gibt es auch mal ordentliche Gitarrensolos die auch auffallen, warum nicht eher?
Die Zwischenparts sind dabei gewollt(?) stockend, ach so ganz rund läuft das nicht. Humpelt sich zu 4 Punkten.

Welcher DJ kennt ihn nicht? Den „Tote Welt [W.R.-Demo Remix]“ – da ich alles andere nicht kenne ist mir das Schnuppe, es klingt für mich nur mehr Live als die anderen Songs.
Es sind auch wieder brauchbare Melodien vorhanden, aber die sind leider wieder sehr rar, gut versteckt und gehen viel zu kurz. Ansonsten wieder Deutschrock mit, wie mir scheint teilweise ein paar Wörtern zu viel in der Zeile oder gepressten Übergängen, wie man es sieht. Naja… 2,5 Punkte

Jetzt noch schnell „...Vergossen Die Heiden Ihr Blut“ mit wieder besseren Instrumentalparts sprich mit so gut keinen Instrumenten außer dem Keyboard bevor die ganze Chose im gemächlichen Tempo dazu stößt. Und hier zwickt der Gesang jetzt definitiv, über andere Songs kann man vielleicht noch streiten, aber hier wird zu lange auf der schiefen Ebene getanzt als das man da noch von gewolltem Meistergriff reden kann. Das ist natürlich etwas schade, aber mein Mitleid hält sich mittlerweile stark in Grenzen. 2 Punkte

… und final dann noch „Siegvaters Runenlied“ dem es ohrenscheinlich gut tut, einfach nur langsam gespielt zu werden. Da aber ein gutes Ende zu schön wäre, nur eine gute Minute und dann haben wir wieder das übliche ohne großen Ausrufezeichen, Chor hin oder her. Müßig da noch weiter ins Detail zu gehen. 2 Punkte


Cover:

Es ist ein See im Wald mit Spiegelung und mit Photoshop auf Lila/Rosa getrimmt. Okay, kann man machen – gefällt vielleicht manchen ich find es subjektiv gesehen nur ganz aber vollkommen glatt und rund „ausreichend“.


Fazit:

Reue und Trauer? Nein, diese Ex vermisse ich nicht wirklich und bin es im Gesamtpaket Leid die olle Kamelle von den guten Ansätzen auf den Tisch zu legen. Dafür hat es zu wenige, sprich praktisch keine Höhepunkte, wagt kaum aus bekanntem Muster auszubrechen, nur dann wenn es wirklich muss und vor allem bleibt so gut wie nichts hängen. Gut den ein oder anderen schiefen Refrain, aber das liegt nur daran, dass du meinen Fetisch für merkwürdige Geräusche ausnutzt. Ich hoffe du bist in guten Händen, mit uns wäre das eh Nichts geworden, musst mich nicht anrufen, Freunde wären wir glaub ich eh nicht geworden. Mach es gut und pass auf dich auf, schade… =/




Gesamtergebnis: 3,06

Gesamtspielzeit: 52:52
Durchschnittsdauer: 4:24

Liedqualität: 3,25 (3x)
( 3,5 + 2 + 5 + 3 + 4,5 + 3,5 + 2,5 + 4,5 + 4 + 2,5 + 2 +2 ) / 12 = 3,25
Cover: 4,00 (0,5x)

Abwechslung: 2,0 (1x)